1930-2014

1930 – 1933

Die Zeit nach dem Börsencrash im Oktober 1929 und der verheerenden Inflation ist auch für die Oberwinterer sehr schwer. Die Arbeitslosigkeit steigt. Firmen müssen mangels Aufträgen Mitarbeiter entlassen, die dann auf die Wohlfahrtspflege angewiesen sind. Wie aber soll eine Familie mit vier Kindern mit einer Arbeitslosenunterstützung in Höhe von 17,40 Reichsmark (RM) pro Woche auskommen? (L. Janta, Heimatjahrbuch Ahrweiler, 1987, S. 124 f.). Die intensive Nutzung des Gartens wird zum „Muss“.

Andrang bei der Berliner Sparkasse nach der Schließung im Juli 1931 (Bild: Bundesarchiv, Bild 102-12023 / Georg Pahl / CC-BY-SA)

Hier der Link:

http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzer_Donnerstag

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1933 Reichstagswahl

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Oberwinterer Wahlurne aus den 1930er Jahren (heute im Alten Rathaus)

1930 scheitert die Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP in Oberwinter. Auch bei der Wahl zum Reichstag am 5. März 1933 wählt die große Mehrheit der Bevölkerung (61,8 % im Kreis Ahrweiler) wieder die „Zentrums-Partei“ (L. Janta aaO, S. 125). Trotzdem ändern sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse noch im Laufe des Jahres 1933 dramatisch. Obwohl auch die Gemeinderatswahl vom 13. März 1933 den Nazis im Ort nicht die Mehrheit bringt, reißt die NSDAP unter Leitung von Parteigenosse Hubert Hüllen, Inhaber eines Zigarrenladens im Ort, wie im ganzen Kreis Ahrweiler die Macht an sich. Gewählte Mitglieder werden nach Aussagen von Zeitzeugen aus dem Gemeinderat gedrängt. Wahlen sollen mit Hilfe einer „präparierten“ Wahlurne manipuliert worden sein. Nach Zeugenaussagen soll auch die Stimmauszählung in einer Oberwinterer Gaststätte nicht ordnungsgemäß verlaufen sein. Feuerwehr und Vereine werden nach dem „Führerprinzip“ neu organisiert. Der Prozess der sog. Gleichschaltung schreitet rasch voran. Vereinsmitglieder, denen die „Errungenschaften“ der neuen Zeit nicht genehm sind, verlieren ihre bisherige Mitgestaltungsmöglichkeit.

Hier ein Link zur Reichstagswahl:

http://de.wikipedia.org/wiki/Reichstagswahl_M%C3%A4rz_1933

 

1934 – 1936 Infrastrukturmaßnahmen

Protest gegen den Ausbau der Reichsstraße 9, 1936

Begleitet von großem propagandistischem Aufwand werden zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit 1934 verstärkt Infrastrukturmaßnahmen gestartet, um Arbeit zu schaffen. In der Hauptstraße und am Rheinufer beginnt, wie die Ortschronik berichtet, die Verlegung einer Kanalisation. Unterhalb des Birgeler Kopfes wird ein Hochbehälter zur Verbesserung der Wasserversorgung von Birgel errichtet. Die alte „Elektrische Centrale“, die in die Hauptstraße hereinragt und den Durchgangsverkehr behindert, wird „zum Wohl der Volksgenossen“ abgerissen. Trotz anderer vorgeschlagener Alternativen und gegen den Widerstand der Bevölkerung setzt der neue Bürgermeister und NS-Ortsgruppenleiter Hüllen den Abriss der alten Lindenallee am Rhein durch, um dort die Umgehungsstraße der Reichsstraße 9 bauen zu lassen. Demonstrationen gegen die Beseitigung des viel genutzten Oberwinterer „Naherholungsgebietes“ werden gewaltsam aufgelöst. Für die Vernichtung der Fotos dieser Demonstrationen sorgt Hüllen persönlich (allerdings ohne den gewünschten Erfolg). Wer sich gegen das Projekt in dieser Form ausspricht (so z.B. der Verkehrs- und Verschönerungsverein Oberwinter – Rolandseck, die Geistlichen und der Arzt Dr. Wirtz), wird vom Ortsgruppenleiter übel diffamiert, angeschwärzt und unter Druck gesetzt. In der Ortschronik, aus der leider viele Seiten aus dieser Zeit herausgetrennt sind, hat sich der Teil eines Eintrags erhalten, der vom Widerstand der Bevölkerung berichtet. Wohl auf Druck der „Partei“ muss der Chronist einen neuen Bericht schreiben, in dem er die Diskussionen nicht mehr erwähnt. Stattdessen berichtet er ausführlich über die Straßeneinweihung durch NS-Größen, vom Bau eines neuen Sportplatzes am Rhein und von der Einrichtung einer militärische Hindernisbahn an der Schule zur Ertüchtigung der Jugend.

Hier ein Link zur Zeit des Nationalsozialismus:

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Reich_1933_bis_1945

 

Druck auf die Bevölkerung  

Umzug zum 1. Mai, 1936 oder 1937 (Bild: Alois Maul)

Immer wieder werden von der „Partei“ Veranstaltungen durchgeführt, an denen die Bevölkerung teilnehmen „muss“. Das gilt beispielsweise für die Aufmärsche zum 1. Mai. Die Häuser „sollen“ dazu mit frischem Grün geschmückt und Hakenkreuzfahnen gesetzt werden. Hüllen und seine Ehefrau gehen durch den ganzen Ort und kontrollieren, wer sich nicht an seine „Vorgabe“ hält. Viele machen mit aus Angst, es sich sonst mit dem Bürgermeister „zu verderben“. So jedenfalls schreibt der Ortschronist Ende 1945.
Immer häufiger kommt es zu Probealarmen und Verdunkelungsübungen. In diesem Zusammenhang wird auch überprüft, ob in allen Häusern Feuerpatschen, Wasser und Löschsand bereit stehen und die Speicher geräumt sind.

 

1934 Die Kirchen

Pfarrer Dr. Sachsse (Bild: Kreis Ahrweiler)

In den Jahren 1933/34 tobt in der Evangelischen Kirche der Kampf der entstehenden „Bekennenden Kirche“ gegen die “Deutschen Christen“, die nationalsozialistisch orientiert sind.
Die evangelischen Christen in Oberwinter, besonders ihr Pfarrer Dr. Carl Sachsse, wenden sich von Anfang an mutig gegen die „Deutschchristen“ und unterstellen sich 1934 nahezu einstimmig mit ihrer Unterschrift der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche („Barmer Erklärung“). Wohl nur dem geschlossenen, mutigen Auftreten der Oberwinterer Gemeinde ist es zu danken, dass ihr schlimmere Verfolgungen erspart bleiben (Archiv d. ev. Kirche Oberwinter, Akte 1(10) 52 -8).

Link zur „Bekennenden Kirche“:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bekennende_Kirche

Predigten, natürlich auch in der katholischen Kirche, werden von Spitzeln mitgeschrieben und „gemeldet“. Die Namen von Teilnehmern an der Fronleichnamsprozession werden, wie Zeitzeugen berichten, insgeheim zur Weitergabe an die Geheime Staatspolizei erfasst. Für Kinder, die am Sonntagmorgen zum Gottesdienst und nicht zur Nazi-Veranstaltung gehen, müssen die Eltern jeweils Strafen in Höhe von 5 RM zahlen, ein in der damaligen Zeit sehr hoher Betrag. (Die Monatsrente einer Arbeiterwitwe beträgt 16 RM). Alte Oberwinterer berichten, dass in dieser schwierigen Zeit der ev. Pfarrer Dr. Sachsse und der kath. Pastor Weber, über die Konfessionsgrenze hinweg, gut zusammengearbeitet haben.
Die Konfessionsschulen werden nach Information der Ortschronik zwangsweise zusammen geführt, die Kreuze aus den Klassenzimmern entfernt.

Dazu folgender Link:

http://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenkampf

 

1935 „Oberwinter ist judenfrei“

Um die Gemeinde Oberwinter „judenfrei“ zu erhalten, beschließt der Gemeinderat am 25.September 1935 einen sieben Punkte umfassenden Katalog, welche Folgen ein Deutscher zu erwarten hat, wenn er mit Juden verkehrt.

Zwar sind Spuren jüdischen Lebens in Oberwinter vom 14. Jahrhundert an nachzuweisen und in einem Schriftstück von 1867 werden 23 Personen jüdischen Glaubens vermerkt sowie in einer Steuerliste von 1879/80 fünf jüdische Familien aufgeführt. Aber zu diesem Zeitpunkt leben in Oberwinter keine jüdischen Bürger mehr, die letzte Familie war 1910 nach Köln verzogen.

So ist es in Oberwinter selbst nicht zu Judenpogromen gekommen, aber es wird berichtet, dass zwei „halbjüdische“ Frauen nur durch die mutige Hilfe einer Familie der  Deportation entgingen. Drei Fälle sind bekannt, bei denen Flüchtlinge aus dem Köln/Bonner Raum von Familien in Oberwinter und Rolandseck versteckt wurden und so der Verfolgung entgehen konnten.

Die Geschichte der Juden aus Oberwinter ist nachzulesen in der Veröffentlichung des Rathausvereins: „Abendstern und Schabbeslämpchen“ von Ute Metternich.

 

 

1936 Fremdenverkehr

Werbekarte von 1937

Zur Verbesserung der Wirtschaftslage bemüht sich das örtliche Gaststättengewerbe um Gäste. Sogenannte Kraft-durch-Freude-Reisende kommen in den Jahren ab 1936 verstärkt an den Rhein und auch nach Oberwinter und Rolandseck. Preiswerte Sonderfahren mit Bus und Bahn werden dazu angeboten. Gasthöfe und Lokale wetteifern um Kunden. Die Gemeinde erstellt besondere Werbeprospekte, in denen die Schönheit des Dorfes und die des „deutschen Rheins“ angepriesen werden. Auch Poststempel werden zu Werbezwecken eingesetzt. Viele Gäste bedanken sich bei ihren Wirtsleuten für die Gastfreundschaft und kommen wieder.

Hier ein Link:

http://de.wikipedia.org/wiki/Kraft_durch_Freude

 

1939 – 1945 Kriegszeit

Die „Goethe“ nach dem Volltreffer 1945

Die Stimmung bei Kriegsbeginn Anfang September 1939 ist – anders als 1914 – sehr gedrückt. Viele ahnen schon früh, dass Schlimmes auf ihre Familien zukommen wird. Ehemänner und Brüder werden zum Militär eingezogen. Kontakt ist nur per Feldpost möglich. Nach anfänglichen Siegesmeldungen mehren sich Nachrichten über den „Heldentod“ von Angehörigen und Bekannten. Das wirkt wie ein Schock auf die Bevölkerung. Die Versorgungslage wird schwieriger. Lebensmittelkarten werden eingeführt. Frauen und Kinder müssen jetzt auch die Arbeit der Männer auf den Feldern und in den Fabriken erledigen. Die Möbelfabrik Büttgen & Peters stellt nach Zeitzeugenberichten ihre Produktion auf Wehrmachtsspinde und Munitionskisten um, um überleben zu können. Zunächst ist der Krieg noch in weiter Entfernung, rückt aber langsam näher. Die Zahl der Luftalarme wird größer, wenn auch im Ort noch keine Luftangriffe zu beklagen sind. 1945, am 3. März, bombardieren Tiefflieger das südlich vom Ort liegende Salonschiff „Goethe“. Das Schiff, das nach Angaben der Ortschronik Lazarett und Wohnung für sehr viele russische Kriegsgefangene ist, erhält einen Volltreffer und sinkt. Etwa 20 Gefangene sterben. Die anderen Russen sind, unter strammer SA-Aufsicht, bei Schanzarbeiten an Land und entgehen so dem sicheren Tod. Im Ort gehen bei diesem Angriff an den rheinseitig gelegenen Häusern Dächer, Mauern und viele Fensterscheiben zu Bruch. Da es kein Baumaterial gibt, müssen die Fenster und Dächer notdürftig mit Holz oder Ähnlichem gegen Regen und Kälte abgedichtet werden (Horst Eckertz, Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 2005, S. 224 f.).

Mehr über die „Goethe“:

http://de.wikipedia.org/wiki/Goethe_%28Schiff%29

 

1945 Ende des Krieges

Zerstörte Remagener Brücke (Bild: Wikipedia)

Nach vergeblichen deutschen Zerstörungs- und Sprengversuchen fällt die Remagener Ludendorffbrücke am 7. März 1945 funktionsfähig den Amerikanern in die Hände. Kurz darauf rollen amerikanische Panzer nach Oberwinter und nehmen den Ort kampflos ein. Die Bevölkerung wird aus ihren Häusern ausgewiesen und in Sammelunterkünften untergebracht. Die Bewohner vom Holzweg und von der Mariengasse werden, wie Zeitzeugen berichten, in das „Landjahrheim“ hinter der Eisenbahn am Aufgang zum Hardtweg eingewiesen, andere Oberwinterer werden z.B. im Kaolinwerk untergebracht. Dort müssen sie abwarten, bis die Amerikaner auch die rechte Rheinseite vollständig erobert haben. Schon Ende Mai bestimmt die Militärverwaltung sechs unbelastete Oberwinterer zu „Gemeinderäten“. Sie wählen Kaspar Bell zum Gemeindevorsteher (Atzler/Wilms, 1100 Jahre Oberwinter, 1986, S. 55). Nach einem Zeugenbericht nehmen die Amerikaner den Ortsgruppenleiter Hubert Hüllen fest. Sie stellen ihn Bell gegenüber und fragen diesen, ob er Hüllen kenne. Als Hüllen Bell die Hand entgegen streckt, versetzt ihm Bell vor den Augen der Besatzer eine schallende Ohrfeige und ruft dabei: „Was, du traust dich nach Allem, mir noch die Hand zu reichen?“. Nach der Ortschronik soll sich Hüllen mit andern „Parteigrößen“ über den Rhein in den Westerwald abgesetzt haben. Dort sei er später gefasst worden.

Hier einige Links:

http://www.bruecke-remagen.de/index.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Ludendorff-Br%C3%BCcke

http://www.kreis-ahrweiler.de/kvar/VT/hjb2006/hjb2006.54.htm

Schranke in Rolandswerth, für den Festzug geöffnet, ca. 1947/48

Nur kurze Zeit bleiben die Amerikaner in Oberwinter. Deutschland wird in vier Zonen aufgeteilt. Oberwinter kommt zur französischen Zone. Schon in Rolandswerth beginnt die britische Zone. Auf der Reichsstraße R 9 wird eine streng bewachte Schranke errichtet, die die Zonen voneinander trennt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachkriegszeit

Zonengrenzbahnhof Remagen 1947

Alle sind mit sich und dem täglichen Kampf gegen den Mangel beschäftigt. Viele Männer sind noch in Gefangenschaft. Der Schiffsverkehr auf dem Rhein ruht wegen zerstörter Brücken und Wracks. Lebensmittel und Brennmaterial sind mehr als knapp. Man muss alles „organisieren“. Stadtbewohner aus Bonn und Bad Godesberg kommen in die französische Zone, um – verbotenerweise – auf dem Land Lebensmittel gegen Wertgegenstände einzutauschen, zu „maggeln“. Werden sie an der Zonengrenze mit Lebensmitteln erwischt, wird die eingetauschte Ware von den Franzosen konfisziert. Es kommt an der Zonengrenze, insbesondere am Zonenbahnhof Remagen, zu herzzerreißenden Szenen.

Hier ein Link:

http://www.kreis-ahrweiler.de/kvar/VT/hjb1996/hjb1996.33.htm

 

Winter 1946/47

Kohlenklau im Rheinland, Winter 1946/47 (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-R70463 / CC-BY-SA)

Dieser Winter ist bitter kalt und dauert bis in den Mai. Kohlezüge aus dem Ruhrgebiet, die in Richtung Frankreich rollen und vor Signalen halten, werden von Kindern und Jugendlichen, trotz strenger Verbote, bestiegen, um Brennmaterial herab werfen zu können. Die Briketts verschwinden blitzschnell in den Häusern. In seiner Sylvesterpredigt 1946 nennt der Kölner Kardinal Frings das „Organisieren“ von überlebenswichtigen Dingen entschuldbaren Mundraub. Seit diesem Tage wird auch in Oberwinter nicht mehr „organisiert“ sondern „gefringst“ (E. Kalejs, Heimatjahrbuch Kreis Ahrweiler 2015, S. 226f.). Langsam kommen abgemagerte und kranke Männer aus der Gefangenschaft ins Dorf zurück. In über 50 Fällen warten die Familien vergeblich.

Link zu Kardinal Frings:

http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Frings

12 Alte Schule

Alte Schule um 1930

Das Leben beginnt sich zu normalisieren. Mit der Währungsreform gibt es ab 1948 wieder mehr zu kaufen. Der Schulbetrieb, der wegen der Einquartierung von Soldaten eingestellt wurde, soll wieder beginnen. Unter unsäglichen Mühen wird ein erster Teil des Schulhauses soweit in Stand gesetzt, dass der Unterricht – wieder getrennt für katholische und evangelische Schüler – beginnen kann. Die Schulleiter Hermann Bauer und Karl Weber kooperieren eng miteinander (Zeitungsarchiv W. Schmitz im Archiv des Rathausvereins Oberwinter). Die französische Besatzungsmacht hat viele Häuser und Gasthöfe beschlagnahmt, um Mitarbeiter und ihre Familien unterzubringen. Es fehlt daher an Wohnraum. Viele Gasthäuser werden erst 1949 wieder freigegeben. Dementsprechend mühsam ist es, den Fremdenverkehr wieder in Gang zu bringen. Dazu wird 1951 ein besonderes „Kirschblütenfest“ veranstaltet. Mit Bus, Bahn oder Schiff kommen langsam wieder Touristen aus dem Ruhrgebiet und sogar aus Holland. Diese werden in den Sonntagsgottesdiensten in ihrer Muttersprache begrüßt.

Unfall auf der B9 um 1950

Der Gemeinderat muss sich zunächst vorwiegend um Wohnraum, Lebensmittel und Brennmaterial kümmern. Die Reparatur von Straßen, besonders die der stark durch Panzer beschädigten Umgehungsstraße, auf der es immer wieder zu schweren Unfällen kommt, und die mangelhafte Wasserversorgung sind ebenfalls wichtige Themen im Gemeinderat (Zeitungsarchiv W. Schmitz, aaO).

 

Möbelfabrik, um 1950

Größere Arbeitgeber sind die Möbelfabrik Peters & Büttgen, die 1947/48 unter französischer Ägide gegründete Schiffswerft und das Kaolinwerk. Anfang der 1950er Jahre nimmt auch die Süßmosterei Kleinhans & Eckertz ihren Betrieb wieder auf. Zwischen Hauptstraße und Holzweg wird zunächst der „Oberwinterer Apfelsaftes“ hergestellt. Später beginnt hier auch die Produktion des Orangensafts „Hohes C“.
Viele Oberwinterer finden in Nachbargemeinden Arbeit.

 

 

 

„Rheinhöhensiedlung“

Erste Häuser auf der Rheinhöhe (Ansichtskarte um 1955)

Seit der Bestimmung zur vorläufigen Bundeshauptstadt ziehen vermehrt Beschäftigte aus dem Bonner Raum nach Oberwinter. Die Gemeinde erschließt mit erheblichem Aufwand die Rheinhöhe für Wohnzwecke; die „Bergstraße Im Ellig“ war bereits von den Franzosen bis zur Rheinhöhe ausgebaut worden, damit sie dort beschlagnahmten Wohnraum besser erreichen konnten. Im Laufe der Jahre entsteht auf der Rheinhöhe der neue Ortsteil „Waldheide“. Auch die Felder von Birgel werden nach und nach bebaut.

 

 

 

Eugen Gerstenmaier 1971 (Bild: Wikipedia)

Annemarie Renger 1973 (Bild: Bundesarchiv)

 

Schon in den 1950er Jahren beginnt damit eine Entwicklung, die bis heute anhält. Oberwinter richtet sich stark auf die Region Bonn hin aus und wird mehr und mehr „Schlafstätte“ für Auspendler, die im Bonn-Bad Godesberger Raum Arbeit finden. Dazu zählen z.B. auch so prominente Politiker wie die früheren Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier und Annemarie Renger.

Links zu:

http://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Gerstenmaier

http://de.wikipedia.org/wiki/Annemarie_Renger

 

 

Neue Infrastruktur

Neubau der Schule 1963 vor dem Abriss der alten Schule

Der starke Zuzug macht die Verbesserung der Infrastruktur erforderlich. Die Wege auf der Rheinhöhe werden zu Straßen ausgebaut, die Wasserversorgung verbessert (Bau neuer Hochbehälter, Bezug von Trinkwasser aus der rechtsrheinisch gelegenen Wahnbachtalsperre), ein Klärwerk wird am Unkelstein errichtet. Die Post erhält ein größeres Gebäude. Weitere Ärzte lassen sich im Ort nieder. Das 1895 errichtete Gebäude der Konfessionsschulen muss wegen Baumängeln abgerissen werden und wird 1963 durch einen modernen Schulbau ersetzt. Die beiden Volksschulen werden nach einer Abstimmung der betroffenen Eltern 1967 in eine christliche Gemeinschaftsschule umgewandelt (Atzler/Wilms aaO, S. 57). Immer mehr Kinder können nach ihrer Grundschulzeit auf weiterbildende Schulen gehen. Die beiden konfessionellen Kindergärten erhalten neue Gebäude.

 

Bauboom

Edeka-Schmitz 1959/60 in der Hauptstraße

Nicht nur auf der Rheinhöhe wird eifrig gebaut. Auch im Dorf müssen die Kriegsschäden beseitigt, Wohnungen modernisiert und neu geschaffen werden. Leider verschwinden dabei einige liebgewonnene Fassaden.

 

 

 

 

 

 

Erfreulicherweise werden andererseits aber auch alte Fachwerkhäuser vom störenden Putz befreit.

 

„Gasthof zur Krone“, 1930 …

… und 1950

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die neuen Glocken werden 1951 in einer großen Prozession zur St. Laurentiuskirche gezogen

 

 

 

 

 

 

 

Bis 1954 können die schlimmsten Kriegsschäden an der katholischen Kirche beseitigt werden. Mit Hilfe von zahlreichen Spendern wird wieder ein neues Geläut erworben und so der Kriegsverlust ersetzt.

 

Renovierung der kath. Kirche, 2005

 

 

 

 

 

 

 

Anfang der 2000er Jahre muss die Katholische Kirche in mehreren Bauabschnitten erneut grundsaniert werden.

 

Renovierung der ev. Kirche in den 1970er Jahren

 

 

 

 

 

 

 Auch die ev. Kirche wird mehrfach aufwändig renoviert und erhält 1955 ein neues Geläut und in den 1970er Jahren eine neue Orgel.

Erster Stempel nach der Kommunalreform

1969 Kommunalreform

Späterer Stempel

 

 

 

 

 

 

Nach langen und zum Teil sehr kontrovers geführten Diskussionen wird die bis dahin selbständige Gemeinde Oberwinter Teil der neu strukturierten Stadt Remagen. Der alte Name des Dorfes verschwindet verwaltungsmäßig und postalisch (zunächst: „Remagen-Oberwinter“; später: „Remagen 2“). Der Ortsteil wird vertreten durch einen Ortsvorsteher und einen Ortsbeirat. Auch wenn so mancher Oberwinterer diese Entwicklung bedauert, die Entscheidung ist unumkehrbar.

1986 1100 Jahrfeier

Die Feier in der lokalen Presse

Nach sorgfältiger Vorbereitung begeht Oberwinter 1986 das Fest seiner ersten urkundlichen Erwähnung am 26. Februar 886. Mit Festveranstaltungen, Umzügen, Konzerten, Bällen und einer großen Fotoausstellung wird das Jubiläum feierlich begangen. Zu diesem Anlass wird die „Vereinigung Rathaus Oberwinter und Archiv e. V. “, der sogenannte Rathausverein gegründet.

Strukturwandel

Ein weit verbreiteter Trend ist auch in Oberwinter zu beobachten. Die kleinen Einzelhandelsgeschäfte, die bis in die 1970er Jahre die Vollversorgung der Bevölkerung sichergestellt haben, stellen ihren Betrieb ein. Immer mehr Menschen verfügen, dank eines eigenen Autos, über die erforderliche Mobilität, preiswerter bei großen Geschäften auf der „grünen Wiese“ einzukaufen. Ehemalige Ladenlokale stehen leer; viele werden zu Wohnungen umgebaut. Auch alteingesessene Gasthäuser schließen.

Hauptstraße 86 mit einem Fotoladen um 1980…

… und nach dem Umbau

Zum Strukturwandel gehört auch das Aussterben der kleinen bäuerlichen Betriebe. Ende der 40er Jahre gibt es noch 10 (Nebenerwerbs-)Betriebe im Ort. Einer nach dem Andern wird geschlossen. Einige erhalten Stilllegungsprämien aus Brüssel.
Der Fremdenverkehr, der Anfang der 1950er Jahre durch Besucher aus Holland und dem Ruhrgebiet wieder angestiegen war, geht stark zurück. Es fehlt an Geld, um attraktive Übernachtungsmöglichkeiten zu schaffen.

Entwicklung seit 2000

Die Entscheidung des Deutschen Bundestages, nach der Wiedervereinigung die Bundeshauptstadt nach Berlin zu verlegen, führt nicht zum befürchteten Einwohnerrückgang. Dank der Schaffung vieler neuer Arbeitsplätze im Großraum Bonn ändert sich die Funktion des Ortes als „Wohn- und Schlafstätte“ für viele Pendler kaum. Dazu trägt auch die gute Bahnanbindung des Ortes bei. Statt des Einzelhandels lassen sich vermehrt Dienstleister im Ort nieder. Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung stellt seit 2001 ein neuer EDEKA-Markt sicher, der 2014 noch einmal deutlich erweitert wird. Auch das gastronomische Angebot verbessert sich wieder.

Insgesamt hat sich der Ort mit seiner herrlichen Lage am Rhein seit 1950 zu einem gesuchten Wohnort entwickelt. Der schwierige Strukturwandel darf als gelungen bezeichnet werden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Oberwinter

http://www.oberwinter.de/

Hafen Oberwinter 2014